Entwicklungshistorische Herleitung der deutschen Verfassung

Zuneh­men­de Bil­dung durch den Aus­bau des Schul­we­sens und dar­auf fußen­der Aus­bil­dung von Bewußt­heit und der Ver­brei­tung des Gei­stes der Auf­klä­rung führt Ende des 18. Jahr­hun­derts und zu Beginn des 19. Jahr­hun­derts zu For­de­run­gen nach Bür­ger­be­tei­li­gung bei poli­ti­schen Ent­schei­dungs­pro­zes­sen und nach Rechts­staat­lich­keit und einer ver­faß­ten Ord­nung des Staates.

 

Entwicklungshistorische Herleitung der Verfassung der Deutschen Republik – Deutsches Reich -

 

Reichsdeputationshauptschluß

Die fran­zö­si­sche Gewalt­herr­schaft unter Napo­le­on Bona­par­te von 1799 bis 1815 ver­wü­ste­te Euro­pa und führ­te durch mili­tä­ri­sche Nöti­gung gegen die Habs­bur­ger Mon­ar­chie zum Reichs­de­pu­ta­ti­ons­haupt­schluß von 1803.

Auf Betrei­ben des Kai­sers des Hei­li­gen Römi­schen Rei­ches Deut­scher Nati­on, Franz II. aus dem Hau­se Habs­burg, beschloß der Reichs­tag die Bil­dung einer Reichs­de­pu­ta­ti­on, bestehend aus vier Kur­für­sten und vier Fürsten.

Auf fran­zö­si­schen und rus­si­schen Druck sah sich die­se Depu­ta­ti­on genö­tigt, die Selb­stän­dig­keit von 112 Bis­tü­mern und Für­sten­tü­mern, von 50 Reichs­städ­ten, einer gro­ßen Zahl von klei­ne­ren Reichs­rit­ter­schaf­ten sowie von allen Reichs­dör­fern auf­zu­he­ben und die­se zu sub­si­dia­ri­sie­ren. Damit war die Macht­stel­lung der Kir­che im Hei­li­gen Römi­schen Reich Deut­scher Nati­on gebro­chen und die ver­blei­ben­den deut­schen Klein­staa­ten für Napo­le­on beherrsch­ba­rer geworden.

Die Macht der von Frank­reich abhän­gi­gen süd­deut­schen Für­sten war gestärkt, und die Stel­lung des König­reichs Preu­ßen gegen­über dem Kai­ser­reich Öster­reich wur­de gefe­stigt. Zu zah­len­de Ent­schä­di­gun­gen für Gebiets­ver­lu­ste wur­den mit dem Reichs­de­pu­ta­ti­ons­haupt­schluß festgelegt.

Zu Beginn des 19. Jahr­hun­derts, vor dem Reichs­de­pu­ta­ti­ons­haupt­schluß von 1803, bestan­den auf dem Boden des Hei­li­gen Römi­schen Rei­ches Deut­scher Nati­on 1.785 auto­no­me Fürstentümer.

 

Gottesgnadentum und Abstammung

Es han­delt sich bei die­sen Für­sten­tü­mern um ein glau­bens­ideo­lo­gisch behaup­te­tes Got­tes­gna­den­tum und um eine auf die Abstam­mung von einer aus­er­wähl­ten Blut- und Geschlechts­li­nie gestütz­te Aus­übung will­kür­li­cher Herr­schafts­ge­walt und Gerichts­bar­keit zur Durch­set­zung pri­vat­ei­gen­tums­be­zo­ge­ner Besitz­an­sprü­che an allen Ein­woh­nern und an jeg­li­chem Grund­be­sitz in dem der jewei­li­gen Herr­schafts­ge­walt unter­wor­fe­nen Landgebiet.

 

Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation

Der Kai­ser des Hei­li­gen Römi­schen Rei­ches Deut­scher Nati­on war nach der Ver­fas­sung ein Wahl­kai­ser. Die dar­in begrün­de­te Mög­lich­keit zur unblu­ti­gen Besei­ti­gung des Kai­sers nutz­te der fran­zö­si­sche Gewalt­herr­scher Napo­le­on, indem er Kai­ser Franz II. aus dem Hau­se Habs­burg dazu ver­an­laß­te, im Jah­re 1806 die Kro­ne des Hei­li­gen Römi­schen Rei­ches Deut­scher Nati­on niederzulegen.

 

Binnenzölle blockieren die ökonomische Entwicklung

Um 1790 bestan­den im Hei­li­gen Römi­schen Reich Deut­scher Nati­on 1.800 Zoll­gren­zen. Allein inner­halb des preu­ßi­schen Staa­tes gab es zu Beginn des
19. Jahr­hun­derts mehr als 67 ört­li­che Zoll­ta­ri­fe mit eben­so vie­len Zoll­gren­zen. Bei einem Trans­port von Königs­berg nach Köln wur­den die Waren etwa 80 mal kontrolliert.

Im Zuge der Anpas­sung der admi­ni­stra­ti­ven Ver­hält­nis­se an die wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung wäh­rend und nach der napo­leo­ni­schen Gewalt­herr­schaft schu­fen die deut­schen Für­sten­staa­ten – und hier im Beson­de­ren die Rhein­bund­für­sten – ab 1800 ver­ein­heit­lich­te zoll­freie Bin­nen­märk­te inner­halb ihres jewei­li­gen Staatsgebietes.

Im Vor­der­grund stan­den Über­le­gun­gen, neben der Ein­glie­de­rung der hin­zu­ge­kom­me­nen Unter­ta­nen und der wirt­schaft­li­chen Inte­gra­ti­on der in Fol­ge ter­ri­to­ria­ler Ver­än­de­run­gen durch napo­leo­ni­sche Gewalt­herr­schaft erheb­lich ver­grö­ßer­ten Staats­ge­bie­te der Für­sten, vor allem die Staats­s­ein­nah­men zu stei­gern. Da Leib­ei­gen­schaft, Armut und Besitz­lo­sig­keit der Unter­ta­nen ver­mö­gens­be­zo­ge­ne Steu­ern nicht zulie­ßen, waren Ver­brauchs­steu­ern und Zöl­le die Haupt­ein­nah­me­quel­len der Staa­ten. Es ging dar­um, die­se Ein­nah­me­quel­len zu sichern und nach besten Mög­lich­kei­ten auszubauen.

Über­re­gio­nal bekann­te Staats­män­ner, wie Frei­herr vom Stein und Joseph Gör­res, for­der­ten die Abschaf­fung von Bin­nen­zöl­len und einen gemein­sa­men deut­schen Außenzoll.

 

Der Wiener Kongreß

Der Wie­ner Kon­greß war eine Tagung der über das napo­leo­ni­sche Frank­reich sieg­rei­chen alli­ier­ten Mon­ar­chen Euro­pas. Nach­dem es gelun­gen war, im Ver­lauf des Befrei­ungs­krie­ges den napo­leo­ni­schen Faschis­mus nie­der­zu­rin­gen, ver­sam­mel­ten sich 1815 die sieg­rei­chen Für­sten, um im Ver­lauf eines Kon­gres­ses das euro­päi­sche Staa­ten­sy­stem wie zu vor­na­po­leo­ni­scher Zeit wiederherzustellen.

Die Sie­ger­mäch­te des ersten Pari­ser Frie­dens vom 30. Mai 1814, Öster­reich, Ruß­land, Preu­ßen, Eng­land und Frank­reich, bil­de­ten den maß­geb­li­chen Teil des Bera­tungs­gre­mi­ums zur Rück­ab­wick­lung der durch Napo­le­on bewirk­ten Ver­än­de­run­gen inner­halb Euro­pas und zur Wie­der­her­stel­lung zer­stör­ter histo­ri­scher Rech­te der Staaten.

 

Vor-Historie

Über Jahr­hun­der­te waren euro­päi­sche Kriegs­par­tei­en durch Deutsch­land gezo­gen, um auf deut­schem Boden Krieg gegen­ein­an­der zu führen.

Käuf­li­che deut­sche Kleinst­für­sten (O‑Ton Otto von Bis­marck: „Duo­dez­für­sten”) boten die Schlacht­fel­der, ihre leib­ei­ge­nen Bau­ern als Sol­da­ten und die Ern­ten als Ver­sor­gung für die strei­ten­den Trup­pen – ohne selbst Streit­par­tei zu sein.

All dies war mög­lich, weil das Hei­li­ge Römi­sche Reich Deut­scher Nati­on ein im Ver­gleich locke­res Herr­schafts­bünd­nis von 1.785 auto­no­men, mehr oder weni­ger käuf­li­chen Kleinst­herr­schern mit gerin­ger Exi­stenz­grund­la­ge und aus­ge­präg­tem Gel­tungs­auf­wand war und es dem Kai­ser an admi­ni­stra­ti­vem Ein­griffs­recht mangelte.

 

Restauration und Restriktion

Eine neue Ord­nung äuße­rer Ver­hält­nis­se und der Bezie­hun­gen zwi­schen den Staa­ten soll­te durch die Sta­bi­li­sie­rung der inne­ren Ord­nung in den ein­zel­nen Staa­ten gefe­stigt wer­den. Der habs­bur­gi­sche Staats­kanz­ler Fürst Met­ter­nich war der gei­sti­ge Urhe­ber eines Bünd­nis­sy­stems für einen Inter­es­sen­aus­gleich im Äuße­ren und einer Ver­ab­re­dung zur Eli­mi­nie­rung alles Revo­lu­tio­nä­ren sowie bür­ger­li­cher Reform­vor­stel­lun­gen und der Ver­ein­ba­rung zwi­schen und den Voll­zug durch die Signa­tar­staa­ten des Wie­ner Kongresses.

 

Gründung des Deutschen Bundes

Um künf­ti­ge Allein­gän­ge dienst­ba­rer deut­scher Kleinst­für­sten aus­zu­schlie­ßen, wur­den die deut­schen Klein­staa­ten durch Ver­ein­ba­rung auf dem Wie­ner Kon­greß im Deut­schen Bund ver­trag­lich zusammengefaßt.

Im Wider­spruch zum Auf­trag der Bun­des­ak­te gelang es dem 1815 auf dem Wie­ner Kon­greß gegrün­de­ten Deut­schen Bund nicht, die wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se in Deutsch­land zu ver­ein­heit­li­chen. Die Über­win­dung der inner­deut­schen Zöl­le voll­zog sich daher außer­halb der Bun­des­or­ga­ne des Deut­schen Bun­des auf der Ebe­ne der betei­lig­ten Staaten.

Die zoll­po­li­ti­sche Zer­split­te­rung behin­der­te die indu­stri­el­le Ent­wick­lung und ver­teu­er­te den inner­deut­schen Han­del. Mit der Auf­he­bung der napo­leo­ni­schen Kon­ti­nen­tal­sper­re stan­den die deut­schen Gewer­be­trei­ben­den in direk­ter Kon­kur­renz zur eng­li­schen Industrie.

 

Friedrich List fordert Schutzzölle

Der Wort­füh­rer des All­ge­mei­nen deut­schen Han­dels- und Gewer­be­ver­eins, der Natio­nal­öko­nom Fried­rich List, ver­lang­te einen zoll­po­li­ti­schen Schutz vor der höher­ent­wickel­ten eng­li­schen Export­in­du­strie. List ver­folg­te nicht nur öko­no­mi­sche, son­dern auch poli­ti­sche Zie­le. Nach den Vor­stel­lun­gen von Fried­rich List soll­te ein öko­no­misch geein­ter Natio­nal­staat mit hohen Zoll­schran­ken nach außen und Frei­han­del nach innen den Deut­schen Bund ersetzen.

 

Preußen beseitigt 1818 Binnenzölle

Im König­reich Preu­ßen waren mit dem Zoll­ge­setz von 1818 alle inner­staat­li­chen Han­dels­schran­ken gefal­len. Es gab seit­her nur noch Einfuhr‑, Aus­fuhr- und Tran­sitzöl­le, die ohne Rück­sicht auf Her­kunfts- oder Bestim­mungs­land erho­ben wur­den. Von Zöl­len aus­ge­nom­men waren Grund­nah­rungs­mit­tel und Roh­ma­te­ria­li­en. Die­ses preu­ßi­sche Zoll­sy­stem blieb mit sei­nen Grund­sät­zen bis in die Zeit nach der Reichs­grün­dung 1871 bestehen und war, mit gerin­gen Abwei­chun­gen, Muster für das Zoll­sy­stem in den deut­schen Län­dern jener Zeit.

Als Gegen­grün­dung zu den Bemü­hun­gen Preu­ßens um Grün­dung und Aus­bau eines Zoll­ver­eins ent­stand 1828 der Mit­tel­deut­sche Han­dels­ver­ein, gebil­det aus den Für­sten­tü­mern Han­no­ver, Sach­sen, Kur­hes­sen und wei­te­ren klei­ne­ren Für­stenstaaten, geför­dert durch die Kai­ser­rei­che Öster­reich und Frank­reich, durch das Ver­ei­nig­te König­reich Groß­bri­tan­ni­en und Nord­ir­land sowie durch das König­reich der Nie­der­lan­de. Die Mit­glieds­staa­ten die­ses Ver­eins ver­pflich­te­ten sich, nicht dem preu­ßi­schen Zoll­ver­bund bei­zu­tre­ten, bil­de­ten selbst aber kei­ne Zoll­uni­on; die­se Orga­ni­sa­ti­on blieb wirkungslos.

 

Erste Schritte zur Zollunion

1829 wur­de ein Ver­trag zwi­schen dem preu­ßi­schen und dem süd­deut­schen Zoll­ver­bund geschlos­sen. Mit die­sem Ver­trag wur­de die gegen­sei­ti­ge Zoll­frei­heit für Inlands­pro­duk­te vereinbart.

Mit Ver­trag vom 22. März 1833 schlos­sen sich der preu­ßi­sche und der süd­deut­sche Zoll­ver­bund zusammen.

Am 1. Janu­ar 1834 trat der Deut­sche Zoll­ver­ein in Kraft, der zunächst für die Dau­er von 8 Jah­ren ver­ein­bart war.

 

Das zolleinheitliche Gebiet wächst

In den fol­gen­den Jah­ren tra­ten die Für­sten der Staa­ten Baden, Nas­sau, Olden­burg, die Freie Stadt Frank­furt und Luxem­burg dem Deut­schen Zoll­ver­ein bei.

Nach der Auf­lö­sung der Kon­kur­renz­or­ga­ni­sa­ti­on, des Steu­er­ver­eins, in den 1850er Jah­ren tra­ten Han­no­ver und Braun­schweig dem Deut­schen Zoll­ver­ein bei.

 

Freihandelszone

Mit dem auf die­se Wei­se gewach­se­nen Deut­schen Zoll­ver­ein ent­stand eine euro­päi­sche Frei­han­dels­zo­ne mit zunächst 25 Mil­lio­nen Ein­woh­nern im Jahr 1842 und spä­ter anwach­send auf 30 Mil­lio­nen Einwohner.

Von den übri­gen Staa­ten des Deut­schen Bun­des blie­ben Öster­reich, Liech­ten­stein, Hol­stein, Meck­len­burg-Stre­litz und Meck­len­burg-Schwe­rin außer­halb des Deut­schen Zoll­ver­eins. Die bei­den meck­len­bur­gi­schen Staa­ten wur­den nach der Reichs­grün­dung 1871 als Teil des deut­schen Zoll­ge­bie­tes mit­tel­bar am Zoll­ver­ein betei­ligt. Die Han­se­städ­te Ham­burg, Bre­men und Lübeck tra­ten 1888 unter Errich­tung von Frei­hä­fen, die sich außer­halb des deut­schen Zoll­ge­bie­tes befan­den, dem Deut­schen Zoll­ver­ein bei. Nach dem Krieg von 1866 tra­ten die preu­ßi­sche Pro­vinz Schles­wig-Hol­stein und nach dem deutsch-fran­zö­si­schen Krieg 1871 das Reichs­land Elsaß-Loth­rin­gen als unselb­stän­di­ge Gebie­te hinzu.

 

Rechtsnatur des Deutschen Zollvereins

Die Rechts­na­tur des Deut­schen Zoll­ver­eins war die einer Gemein­schaft sui gene­ris. Die Mit­glieds­staa­ten des Zoll­ver­eins waren wei­ter­hin sou­ve­rä­ne Staa­ten und der Zoll­ver­ein daher auch kei­ne Staa­ten­ver­bin­dung, wie ihn die Form eines Bun­des­staa­tes dar­ge­stellt hät­te. Der Deut­sche Zoll­ver­ein war im Völ­ker­rechts­ver­kehr aner­kann­tes Völ­ker­rechts­sub­jekt. Sei­ne Wir­kung und Tätig­keit war aus­schließ­lich auf wirt­schaft­li­che Auf­ga­ben gerich­tet. Da es ihm an der Erfül­lung wesent­li­cher staat­li­cher Auf­ga­ben man­gel­te, war er auch kein Staatenbund.

 

Souveränitätsanspruch der Mitgliedsstaaten

Um den Sou­ve­rä­ni­täts­an­spruch der klei­ne­ren Mit­glieds­staa­ten zu wah­ren, wur­de bei den Ver­hand­lun­gen über die Auf­bau­or­ga­ni­sa­ti­on des Ver­eins gro­ße Mühe dar­auf ver­wen­det, das Prin­zip der Gleich­be­rech­ti­gung zu wah­ren. Als ober­stes Organ wur­de die Zoll­ver­eins­kon­fe­renz geschaf­fen, für deren Ent­schei­dun­gen Ein­stim­mig­keit bestimmt war. Alle Mit­glieds­staa­ten hat­ten ein Veto­recht. Die Tagungs­or­te wech­sel­ten zwi­schen den Mit­glieds­staa­ten. Jeder Mit­glieds­staat hat­te eine Stim­me; die von den Regie­run­gen ernann­ten Dele­gier­ten waren wei­sungs­ge­bun­den. Eine ein­heit­li­che Zoll­ver­wal­tung bestand nicht; die Aus­füh­rung der Beschlüs­se blieb Sache der Behör­den und der Mit­glieds­län­der. Die ein­zi­ge Zen­tral­in­sti­tu­ti­on war das Zen­tral­rech­nungs­bü­ro in Ber­lin, das für die nach Kopf­zahl der Bevöl­ke­rung der Mit­glieds­staa­ten auf­ge­schlüs­sel­ten Ver­tei­lung der Ein­nah­men und für die Erstel­lung der Zen­tral­ver­eins­sta­ti­stik zustän­dig war.

 

Erhebung der Zölle

Die Erhe­bung der Zöl­le im Zoll­ver­ein erfolg­te auf gemein­schaft­li­che Rech­nung. Daher war eine Anglei­chung der Gewich­te zur Erhe­bung gleich­mä­ßi­ger Abga­ben nötig.

Es war ver­ein­bart, daß die Ver­trags­staa­ten dahin wir­ken, daß „in ihren Län­dern ein glei­ches Münz‑, Maß- und Gewichts­sy­stem in Anwen­dung kom­me, hier über sofort beson­de­re Ver­hand­lun­gen ein­lei­ten zu lassen.”

 

Störfaktor Österreich

Über Sach­fra­gen hin­aus­ge­hend wirk­te sich der Ein­fluß Öster­reichs im Deut­schen Bund auch immer wie­der mit macht­po­li­ti­scher Dimension
bloc­kierend, ver­zö­gernd, stö­rend und zer­set­zend auf die Ent­wick­lung des Deut­schen Zoll­ver­eins aus. 

Öster­reich stand außer­halb des Deut­schen Zoll­ver­eins und fürch­te­te den eige­nen Macht­ver­lust im Deut­schen Bund bei einer vor­aus­schrei­ten­den eini­gen­den Wir­kung des Zoll­ver­eins auf eine poli­ti­sche Eini­gung der deut­schen Staaten. 

In Groß­bri­tan­ni­en beur­teil­ten Poli­ti­ker, wie Pal­mer­s­ton die Ent­wick­lung des Deut­schen Zoll­ver­eins als Gefahr für die bri­ti­sche Vor­macht­stel­lung im gewerb­li­chen Bereich.

 

Vereinheitlichung des deutschen Wirtschaftsraumes

Die deut­sche Zoll­ei­ni­gung besei­tig­te die Zer­split­te­rung des deut­schen Wirt­schafts­rau­mes und über­wand damit eine wesent­li­che Ursa­che für den öko­no­mi­schen Rück­stand im Ver­gleich zu Eng­land. Es wur­den erst­mals zuver­läs­si­ge han­dels­po­li­ti­sche Ver­hält­nis­se geschaffen.

Der Zoll­ver­ein war unter die­ser Betrach­tung von wesent­li­cher Bedeu­tung für die indu­stri­el­le Ent­wick­lung in den deut­schen Fürstenstaaten. 

In eini­gen Mit­glieds­staa­ten stell­ten die Ein­nah­men aus dem Zoll­ver­ein die erfor­der­li­che finan­zi­el­le Basis dar, um Maß­nah­men der Moder­ni­sie­rung von Gewer­be, Infra­struk­tur und Gesell­schaft durch­füh­ren zu können.

 

Stabilität im Grundsätzlichen

Der Zoll­ver­ein zeich­ne­te sich durch eine Sta­bi­li­tät im Grund­sätz­li­chen aus. Selbst wäh­rend des deutsch-öster­rei­chi­schen Krie­ges 1866, als Mit­glieds­staa­ten auf geg­ne­ri­schen Sei­ten stan­den, wur­den wei­ter­hin Zöl­le erho­ben und ver­trags­ge­mäß nach Ber­lin gesandt. Dort ver­teil­te sie die preu­ßi­sche Regie­rung ver­fah­rens­ge­mäß antei­lig an die Ein­zel­staa­ten. Ein wesent­li­cher Grund für die­se Sta­bi­li­tät bestand in den finan­zi­el­len Vor­tei­len für alle Beteiligten.

 

Politische Ziele der Zollpolitik

Die schritt­wei­se Moder­ni­sie­rung der Zoll­po­li­tik, zunächst auf ein­zel­staat­li­cher Ebe­ne, dar­auf fol­gend in den ver­schie­de­nen regio­na­len Zoll­ver­ei­ni­gun­gen und schließ­lich im Deut­schen Zoll­ver­ein, hat­te immer auch poli­ti­sche Motive.

 

Friedrich von Motz

Einem wesent­li­chen För­de­rer des Zoll­ver­eins­ge­dan­kens, dem preu­ßi­schen Finanz­mi­ni­ster Fried­rich von Motz, war die poli­ti­sche Dimen­si­on der Zoll­uni­on von Anbe­ginn bewußt. Bereits 1829 sah er den geplan­ten Zoll­ver­ein als Werk­zeug zur Durch­set­zung eines klein­deut­schen Natio­nal­staa­tes unter preu­ßi­scher Füh­rung. Er schrieb: „…wenn es staats­wis­sen­schaft­li­che Wahr­heit ist, daß Zöl­le nur die Fol­ge poli­ti­scher Tren­nung ver­schie­de­ner Staa­ten sind, so muß die Wahr­heit auch sein, daß Eini­gung die­ser Staa­ten zu einem Zoll- und Han­dels­ver­band zugleich auch Eini­gung zu ein und dem­sel­ben poli­ti­schen System mit sich führt.”

 

Metternich

Der öster­rei­chi­sche Staats­mi­ni­ster Met­ter­nich erkann­te früh die Gefahr für die öster­rei­chi­sche Mon­ar­chie und bezeich­ne­te den Zoll­ver­ein als „klei­nen Neben­bund, […] wel­cher nur zu bald sich dar­an gewöh­nen wird, sei­ne Zwecke mit sei­nen Mit­teln in erster Linie zu ver­fol­gen.” Durch die­se Bedro­hung des Sta­tus quo im Deut­schen Bund und der Rol­le Öster­reichs im deut­schen Macht­ge­fü­ge hielt Met­ter­nich den Zoll­ver­ein bereits 1833 für eine „höchst nach­tei­li­ge, unheil­dro­hen­de Erscheinung.”

Wirt­schafts- und fis­kal­po­li­ti­sche Grün­de waren für die mei­sten Für­sten Moti­ve für den Bei­tritt zum Zollverein.

 

Zollverein und nationale Integration

Der Zoll­ver­ein kom­pen­sier­te im Bewußt­sein der Zeit­ge­nos­sen zu einem Teil die feh­len­de natio­na­le Ein­heit und wirk­te als Werk­zeug der natio­na­len Integration.

Der Deut­sche Bund von 1815 konn­te häu­fig nur als Orga­ni­sa­ti­on der Restau­ra­ti­on und Repres­si­on betrach­tet und wahr­ge­nom­men wer­den. Dem ent­ge­gen galt der Zoll­ver­ein als dyna­mi­sches und kon­struk­ti­ves Ele­ment in der gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lung des 19. Jahrhunderts.

 

Reichsbürger

In die­ser Zeit ent­steht erst­mals der im Stre­ben nach Zuge­hö­rig­keit und Zusam­men­wir­ken bemüh­te Begriff des Reichs­bür­gers für die nach Ein­heit stre­ben­den Unter­ta­nen als Aus­druck eines neu­en Selbst­ver­ständ­nis­ses und einer neu­en Identität.

 

Zollverein und der Norddeutsche Bund

Die Struk­tur der Ver­eins­or­ga­ne des Zoll­ver­eins doku­men­tiert, wie eng der Zoll­ver­ein mit dem Nord­deut­schen Bund ver­bun­den war. Der Zoll­bun­des­rat als Ver­tre­tung der Mit­glieds­staa­ten war nichts ande­res als der Bun­des­rat des Nord­deut­schen Bun­des, erwei­tert um die Ver­tre­ter der süd­deut­schen Staa­ten. Was für das Zoll­par­la­ment galt, galt für das Par­la­ment des Nord­deut­schen Bun­des, das all­ge­mei­ne, glei­che und direk­te Männerwahlrecht.

 

Das erste Zollparlament

Das erste Zoll­par­la­ment wur­de gebil­det, indem zu den Abge­ord­ne­ten des Reichs­ta­ges des Nord­deut­schen Bun­des die Ver­tre­ter aus Süd­deutsch­land hin­zu­ge­wählt wurden.

Die­ses Zoll­par­la­ment trat zwi­schen 1868 und 1870 zu drei Sit­zungs­ab­schnit­ten zusam­men. Hier wur­den Grund­la­gen für die wirt­schaft­li­che Ein­heit geschaf­fen, an die das spä­te­re Deut­sche Kai­ser­reich unmit­tel­bar anknüp­fen konn­te. Ter­ri­to­ri­al kamen zu die­ser, auch als „zwei­ten Zoll­ver­ein” bezeich­ne­ten Neu­or­ga­ni­sa­ti­on, die Pro­vinz Schles­wig-Hol­stein, Meck­len­burg-Schwe­rin und Meck­len­burg-Stre­litz hinzu.

Mit der Reichs­ver­fas­sung von 1871 wur­de das Deut­sche Kai­ser­reich zu einem ein­heit­li­chen Zoll- und Han­dels­ge­biet. Die Staa­ten Ham­burg und Bre­men blie­ben noch bis 1888 als Frei­hä­fen außer­halb des Zollgebietes.

 

Außenpolitik Otto von Bismarcks

Otto von Bis­marck erzielt auf außen­po­li­ti­scher Ebe­ne stän­dig neue Erfol­ge. Im Kon­flikt um Schles­wig-Hol­stein, in dem sich alle natio­na­len Kräf­te – ob groß­deutsch oder klein­deutsch – lei­den­schaft­lich enga­gie­ren, über­nimmt das König­reich Preu­ßen die Füh­rung und ver­an­laßt das Kai­ser­reich Öster­reich zum gemein­sa­men Krieg gegen das König­reich Däne­mark. Nach dem Sieg über Däne­mark wer­den die Her­zog­tü­mer unter die Ver­wal­tung der bei­den krieg­füh­ren­den Mäch­te Preu­ßen und Öster­reich gestellt.

 

Deutsch-deutscher Krieg

Der Kon­flikt über die Anne­xi­on der Her­zog­tü­mer bewegt Preu­ßen zur Auf­kün­di­gung des Deut­schen Bun­des und Öster­reich zum Krieg gegen Preu­ßen. Nach dem über­ra­schend schnel­len Sieg Preu­ßens bei König­grätz am 3. Juli 1866 kommt es am 25. August 1866 zum Pra­ger Frie­den. Im Zuge die­ses Frie­dens­ver­tra­ges macht das Kai­ser­reich Öster­reich das Zuge­ständ­nis zur Auf­lö­sung des Deut­schen Bun­des und erkennt die Neu­or­ga­ni­sa­ti­on Nord­deutsch­lands unter preu­ßi­scher Füh­rung an.

 

Auflösung des Deutschen Bundes

Mit dem Sieg Preu­ßens ist der Kampf um die Vor­macht­stel­lung in Deutsch­land zwi­schen Preu­ßen und Öster­reich end­gül­tig zugun­sten Preu­ßens ent­schie­den. Der Deut­sche Bund ist auf­ge­löst. Der Weg zur klein­deut­schen Lösung der natio­na­len Eini­gung unter Füh­rung Preu­ßens ist damit angelegt.

 

Erste Stufe zur Einigung der deutschen Fürsten

Mit der Grün­dung des Nord­deut­schen Bun­des als erster Stu­fe der Eini­gung Deutsch­lands dehnt sich der Macht­be­reich Preu­ßens bis zur Main­li­nie aus.

Die Ver­fas­sung des Nord­deut­schen Bun­des ist bereits auf den mög­li­chen Bei­tritt der süd­deut­schen Für­sten­tü­mer ange­legt. Zudem sind die süd­deut­schen Für­sten durch Schutz- und Trutz­bünd­nis­se mit dem Nord­deut­schen Bund ver­bun­den. Ein wich­ti­ger wei­te­rer Schritt auf dem Weg zu einer Ver­ei­ni­gung der deut­schen Für­sten­tü­mer unter einer Ver­fas­sung bil­det das neu geschaf­fe­ne Zoll­par­la­ment des Deut­schen Zoll­ver­eins, zu dem Abge­ord­ne­te aus allen deut­schen Für­sten­tü­mern gewählt werden.

 

Französische Kriegserklärung

Zuneh­men­de Span­nun­gen zwi­schen dem König­reich Preu­ßen und dem Kai­ser­reich Frank­reich über die in Aus­sicht genom­me­ne Kan­di­da­tur der Hohen­zol­lern auf den spa­ni­schen Thron füh­ren schließ­lich zur fran­zö­si­schen Kriegs­er­klä­rung. Dies löst in ganz Deutsch­land eine Wel­le natio­na­ler Empö­rung aus. Die mili­tä­ri­schen Bünd­nis­ver­trä­ge zwi­schen den deut­schen Für­sten tre­ten in Kraft und wer­den im Ver­lauf des Krie­ges im Zuge diplo­ma­ti­scher Ver­hand­lun­gen durch Ver­trä­ge zwi­schen den deut­schen Mon­ar­chen und deren Regie­run­gen ergänzt.

 

Der Ewige Bund

Es kommt zum Schluß des Ewi­gen Bundes.

Nach der mili­tä­ri­schen Nie­der­la­ge Frank­reichs und nach dem Sturz des fran­zö­si­schen Kai­ser­tums wird am 18. Janu­ar 1871 in einem höfi­schen mili­tä­ri­schen Zere­mo­ni­ell im Spie­gel­saal von Ver­sailles der Akt der Reichs­grün­dung durch 25 deut­sche Für­sten­tü­mer vollzogen.

 

Das rechtseinheitliche Gebiet deutschen Rechtes

Mit dem Schluß des Ewi­gen Bun­des 1870 wur­de das Ide­al des exzep­tio­nell anti­zi­pier­ten Natio­nal­staa­tes for­mell geschaf­fen und mit dem gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lungs­auf­trag (RGBl. 1871, S. 64) – dem Schutz des Bun­des­ge­bie­tes und des inner­halb des­sel­ben gül­ti­gen Rech­tes sowie zur Pfle­ge der Wohl­fahrt des Deut­schen Vol­kes in Frei­heit und Gerech­tig­keit sowie dem inne­ren und äuße­ren Frie­den zu die­nen – ausgestattet.

Damit ist das rechts­ein­heit­li­che Gebiet deut­schen Rech­tes geschaffen.

Fort­an ent­fie­len damit die Mar­ke­ten­der­dien­ste deut­scher „Duodezfür­sten” für die übri­gen Völ­ker Euro­pas und das damit ver­bun­de­ne Elend des Deut­schen Volkes.

Die Bezeich­nung Deut­sches Reich für das neu gegrün­de­te deut­sche Kai­ser­reich knüpft an das Hei­li­ge Römi­sche Reich Deut­scher Nati­on von 962 bis 1806 an.

 

Die Reichsleitung unter Otto von Bismarck


Die Jah­re von 1871 bis 1890 nutz­te Otto von Bis­marck als erster Kanz­ler des geein­ten Deut­schen Rei­ches, um des­sen Ein­fluß in der Welt zu ent­wickeln, sei­ne Sicher­heit zu festi­gen, den Wohl­stand sei­ner Bür­ger zu heben und das Reich im Inne­ren wie im Äuße­ren sta­bil aufzustellen.

 

Sozialgesetzgebung

Innen­po­li­tisch war es im Beson­de­ren Bis­marcks Sozi­al­ge­setz­ge­bung, die das Land dau­er­haft bis in unse­re Tage prägt. Bereits 1882 bestand unge­fähr ein Vier­tel der deut­schen Bevöl­ke­rung aus Arbei­tern. Sie waren durch Ver­trä­ge mit ihren „Brotherren”/Arbeitgebern gebun­den, die sie nicht frei aus­han­deln konnten.

 

Sozialversicherung

Die Sozi­al­po­li­tik Bis­marcks hat eine Ent­wick­lung ein­ge­lei­tet, mit der die Klas­sen­ge­gen­sät­ze lang­sam gemil­dert wur­den. Es wur­den Fabrik­in­spek­tio­nen durch­ge­setzt, er erzwang die Sozi­al­ver­si­che­rung gegen den Wider­stand des Kapi­tals und der Unter­neh­mer, er erließ Arbeits­schutz­ge­set­ze, die ihrer Zeit weit vor­aus waren. Die deut­schen Sozi­al­ge­set­ze jener Zeit gin­gen erheb­lich über alles hin­aus, was in ande­ren Staa­ten der Welt prak­ti­ziert wurde.

 

Reichsleitungsauftrag

Der auf dem Ewi­gen Bund grün­den­de Reichs­lei­tungs­auf­trag besteht in der Ent­wick­lung und in der För­de­rung einer poli­ti­schen Kul­tur, wel­che die durch den Ewi­gen Bund von oben gegrün­de­te Ver­fas­sungs­ord­nung und in des­sen Erneue­rung und Festi­gung in Rechts­kon­ti­nui­tät des­sel­ben Rechts­sub­jek­tes 1919 durch die Deut­sche Natio­nal­ver­samm­lung fort­ge­führ­ten, nun repu­bli­ka­nisch ver­faß­ten staat­li­chen Ord­nung tra­gen und sta­bi­li­sie­ren kann.

 

Christianisierung

Die Chri­stia­ni­sie­rung Mit­tel­eu­ro­pas führ­te zur gei­sti­gen Ent­mün­di­gung, Unter­wer­fung und zur glau­bens­ab­hän­gi­gen see­li­schen Wohl­fahrt der Men­schen zu Lasten ihres auto­no­men Selbst­be­stim­mungs­rech­tes und der Eigen­ver­ant­wort­lich­keit im irdi­schen Dasein.

Der Mensch war in die Abhän­gig­keit von der Für­bit­te pasto­ra­ler „Ver­mitt­ler von Gött­li­chem” gera­ten. Die welt­li­che Beherr­schung der Unter­ta­nen über­nah­men mehr oder weni­ger dienst­ba­re, von Inzest und Kle­ri­kal­fa­schis­mus beherrsch­te Rauf­bol­de im kirch­lich geweih­ten Ornat von Mon­ar­chen und Fürsten.

 

Kampf zwischen Kaiser und Papst um die weltliche Macht

Die fol­gen­de Anga­be von histo­ri­schen Ereig­nis­sen stellt nur eine Aus­wahl aus einer erheb­lich grö­ße­ren, gleich­be­deu­ten­den Anzahl von Gescheh­nis­sen dar, mit der ein skru­pel­lo­ser Kon­kur­renz­kampf um die welt­li­che Macht bis in unse­re Tage fort­ge­setzt wird:

  • „Pip­pin­sche Schen­kung” an Papst Ste­phan II. (753)

  • Gang nach Canos­sa König Hein­richs IV. (1077)

  • Inter­dikt des Pap­stes Inno­zenz III. über Eng­land (1209), Aberken­nung des Thro­nes Johann Ohne­lands durch den Papst (1212), Kapi­tu­la­ti­on Johann Ohne­lands vor dem Papst (1213), Magna Car­ta (1215)

  • Wahl drei­er Köni­ge und drei­er Päp­ste im Hei­li­gen Römi­schen Reich Deut­scher Nati­on (1410), Kon­zil zu Kon­stanz (1414 bis 1418)

  • Refor­ma­ti­on Luthers (1517)

  • Augs­bur­ger Reli­gi­ons­frie­de (1555)

  • Drei­ßig­jäh­ri­ger Krieg (1618 bis 1648)

  • Zeit­al­ter der Auf­klä­rung (ca. 1650 bis 1800)

  • Eng­li­sche Revo­lu­ti­on (1688÷89)

  • Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on (1789)

  • „Kultur”kampf Bis­marcks (1871 bis 1887)

Die Folge

In ver­schwie­ge­ner Über­ein­kunft zwi­schen mon­ar­chisch-fürst­li­cher Privat­herr­lichkeit und geist­lich-reli­giö­ser Bevor­mun­dung herrsch­te über Jahr­hun­der­te die­se ver­schwo­re­ne Kaste Pri­vat­herr­schafts­süch­ti­ger über ihre leib­ei­ge­nen Bau­ern, Arbei­ter, Sol­da­ten und Tage­löh­ner und hielt sie in aus­sichts­lo­ser Abhän­gig­keit, Armut und Unwis­sen­heit, um sie bei Bedarf wie Ein­zel­ver­brauchs­gut zum pri­va­ten Besten zu ver­nut­zen – getreu dem Mot­to: „Halt’ du sie dumm, ich halt’ sie arm.”

 

Der Weg

Die deut­schen Mysti­ker, Mei­ster Eck­hart und ihm Gleich­ge­sinn­te, die Erfin­dung der Buch­drucker­kunst, die Über­set­zung der Bibel in unse­re deut­sche Spra­che durch Mar­tin Luther ermög­lich­te das Lesen und Ver­ste­hen der Hei­li­gen Schrift. Die Abhal­tung der Mes­se in deut­scher Spra­che ermög­lich­te einer­seits die Ent­deckung des sozi­al­re­for­me­ri­schen Jesus-Mythos und ande­rer­seits das Erler­nen des Lesens und des Schrei­bens mit Hil­fe des Neu­en Testa­men­tes als deut­schem Sprach­lehr­buch – dem sicher­lich größ­ten Ver­dienst Luthers, einem gewich­ti­gen Schritt auf dem Weg zur Volksherrschaft.

Die damit ein­her­ge­hen­de gei­sti­ge Aus­ein­an­der­set­zung und Posi­tio­nie­rung zwi­schen den wider­strei­ten­den reli­gi­ons­be­zo­ge­nen Dog­men führ­ten dar­aus resul­tie­rend bei immer mehr Unter­ta­nen zu einer sich ent­wickeln­den Bewußt­heit und Wahr­neh­mung der eige­nen Rol­le bei der Ent­wick­lung der poli­ti­schen Verhältnisse.

Bereits im 15. und 16. Jahr­hun­dert erkann­ten des Lesens und Schrei­bens kun­di­ge Auf­klä­rer, wie Mar­tin Luther, Ulrich Zwing­li, Tho­mas Mün­zer und ande­re die Reli­gi­ons­leh­ren als Herr­schafts­in­stru­ment, da alle reli­giö­sen Glau­bens­sy­ste­me auf men­schen­ge­mach­ten Kon­zep­ten beru­hen, um will­kür­lich Macht über Men­schen legi­ti­ma­ti­ons­los aus­zu­üben: Die­je­ni­gen, die die Deu­tungs­ho­heit über den Glau­bens­zweck aus­üben, ter­ro­ri­sie­ren das mensch­li­che Dasein und instru­men­ta­li­sie­ren die Glau­bens­an­hän­ger zu belie­bi­gen Zwecken.

 

Erkenntnis

Es ging und es geht – einst­mals so wie heu­te – um die erkennt­nis­ab­hän­gi­ge Ent­wick­lung der Befrei­ung des Gei­stes aus eines Frem­den nöti­gen­der Willkür.

 

Der Geist der Aufklärung und der Eintritt für res publica

Die Krie­ge zur Befrei­ung von napo­leo­ni­scher Gewalt­herr­schaft in Mit­tel­eu­ro­pa wären ohne eine Volks­be­we­gung der akti­ven Mit­wir­kung aller Gesell­schafts­schich­ten nicht mög­lich gewesen.

Um die­se Volks­be­we­gung zur Unter­stüt­zung der im Kampf gegen Napo­le­on unter­le­ge­nen deut­schen Für­sten zu för­dern oder zu initi­ie­ren, fand das Vor­bild der preu­ßi­schen Refor­mer Frei­herr vom Stein, Har­den­berg, Scharn­horst und ande­ren bald wei­te­re Verbreitung.

Dem Bür­ger­tum wur­de poli­ti­scher Ein­fluß eingeräumt.

Der ver­arm­te Adel ver­kauf­te Anwe­sen und Grund­stücke an bür­ger­li­che Unter­ta­nen, denen man jetzt das Recht ein­räum­te, Grund und Boden vom Adel zu erwer­ben. Bür­ger und Bau­ern konn­ten Offi­zier wer­den und auf­stei­gen, ehe­mals ein Vor­recht des Adels.

Auch Bau­ern und Bür­ger durf­ten jetzt Waf­fen tra­gen, ehe­mals ein Schreck­ge­spenst der Herrschenden.

Die­se Ver­än­de­run­gen tru­gen zur Ent­wick­lung einer Infra­struk­tur des Den­kens und der Bil­dung bei, die, zuvor­derst durch das Bil­dungs­bür­ger­tum getra­gen, zuneh­men­de Bedeu­tung gewann und mit der For­de­rung nach Rechts­staat­lich­keit, nach dem ver­faß­ten Staat und nach einer ver­faß­ten staat­li­chen Ord­nung laut­stark vor­ge­tra­gen wurde.

Die­se Bestre­bun­gen führ­ten, von ver­schie­de­nen Schau­plät­zen aus­ge­hend, zur Wahl der deut­schen Natio­nal­ver­samm­lung 1848, zur Pauls­kir­chen­ver­fas­sung 1848 und zur Deut­schen Revo­lu­ti­on 1848/​49, die blu­tig nie­der­ge­schla­gen wurde.

 

Von der Monarchie zur Republik

Nach Über­win­dung der nicht mehr trag­fä­hi­gen mon­ar­chi­schen Ver­fas­sung fin­den die poli­tisch-sozia­len Prin­zi­pi­en des 1870 gegrün­de­ten Ewi­gen Bun­des ihre Erwei­te­rung in der repu­bli­ka­ni­schen Ver­fas­sung vom 11. August 1919, in Erneue­rung und Festi­gung des Ewi­gen Bun­des, mit der Über­tra­gung des staats­tra­gen­den Insti­tu­tes des Sou­ve­räns auf das Volk.

Das ehe­mals staats­tra­gen­de Prin­zip mon­ar­chi­scher Blut- und Geschlechts­li­ni­en ist ver­fas­sungs­recht­lich auf den Bür­ger über­tra­gen. Seit­her ist der Mensch in deut­scher Blut- und Geschlechts­li­nie durch sei­ne Geburt in der Abstam­mungs­ge­mein­schaft des Deut­schen Vol­kes als Sou­ve­rän des Rei­ches der Deut­schen legi­ti­miert. Damit ist er der Trä­ger der Ver­ant­wor­tung für die Aus­übung des Rech­tes, der Pflich­ten und der Auf­ga­ben eines Sou­ve­räns sowohl des Staa­ten­bun­des Deut­sches Reich wie auch der­je­ni­gen eines reichs­an­ge­hö­ri­gen Gliedstaates.

Dar­aus folgt, daß der Sou­ve­rän deut­scher Abstam­mung kei­ne Sou­ve­rä­ni­tät hat, son­dern sie mit sei­ner Exi­stenz als Anspruchs­be­rech­tig­ter auf das Erb­gut des Ewi­gen Bun­des verkörpert.

Die Reichs­ver­fas­sung von 1919 hat­te grund­sätz­lich die­sel­ben Mate­ri­en zu regeln, wie die Ver­fas­sung von 1871: Zum einen das Ver­hält­nis des Rei­ches zu den Glied­staa­ten und zum ande­ren die Orga­ni­sa­ti­on der Reichs­ge­walt, das heißt die Stel­lung der Reichs­or­ga­ne und die Ver­tei­lung der Funk­tio­nen. Rechts­gü­ter betref­fen­de Bestim­mun­gen und die Defi­ni­ti­on von Wer­ten waren in der alten Reichs­ver­fas­sung von 1871 noch nicht niedergelegt.

Die Ange­hö­ri­gen des Deut­schen Vol­kes sind die legi­ti­men Erben des Ewi­gen Bun­des durch die Über­win­dung der histo­ri­schen Monarchie.

Der Mensch deut­scher Abstam­mung ist die Quel­le der höch­sten Auto­ri­tät im Deut­schen Reich. Er ist damit ver­ant­wort­lich und all­zu­stän­dig. Er ist Trä­ger und Wah­rer des Rech­tes, das er selbst nicht zu ver­let­zen hat.